Der Jakobsweg für Zuhause

Woche 1

Vom Zauber des Anfangs
Einstimmung auf den Neubeginn

„Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt“, sagt einst der chinesische Weise Laotse. Der erste Schritt ist deshalb etwas ganz Eigenes und es lohnt sich, ihn genauer zu betrachten.

 

An Beginn unseres persönlichen Jakobsweges für zu Hause steht eine Übung, bei der es um das Besondere des Anfangens geht. Der erste Schritt ist nicht wie alle anderen: Ihm fehlt der Vorgänger, der ihm den Schwung zum Weitergehen gibt. Der erste Schritt muß seinen Schwung also woanders herholen. Das Anfangen braucht eine besondere Kraft.

 

Diese Kraft müssen wir jedoch nicht aus dem Nichts aufbringen, denn sie wird uns geschenkt. Sie liegt in dem Ruf, der uns ereilt, in der Sehnsucht, die uns treibt und in der Gewissheit, daß wir am Ziel erwartet werden. Wie die Geschichte von Abraham erzählt, der auszog, weil ihm ein Versprechen gegeben war. (1.Moses 11-25)

 

Der nachstehenden Text handelt vom Zauber des Anfangs. Lesen Sie ihn aufmerksam durch. Verweilen Sie bei einzelnen Worten.

  • Welche Sinneseindrücke stellen sich ein?
  • Welche Bilder steigen auf?

Beschäftigen Sie sich mit dem Text, solange Sie mögen.

 

Der Aufbruch, welch ein Versprechen
Etwas wird anders, etwas wird neu.
Aufbruch, Aufbrechen. Auf. Brechen.
Auf, mach dich auf.
Etwas bricht. Etwas öffnet sich.
Das ist der Beginn.
Wenn Du ihn spürst,
hat er schon stattgefunden

 

Woche 2

Lebendigkeit durch Veränderung
Etwas Neues ausprobieren

Die Bereitschaft sich auf Neues einzulassen, können wir trainieren. Sie ist wie ein Muskel, der kräftig und beweglich gehalten werden will und dies mit ganz einfachen Übungen im Alltag.

 

Etwas Neues zu beginnen, das hat viel mit Kreativität im Alltag zu tun. Kreativ zu sein bedeutet, für eine neue Situation ein angemessenes Verhalten zu finden oder auf eine bekannte Situation anders als bisher zu reagieren. Und das läßt sich leicht auch im Alltag umsetzen.

Versuchen Sie in dieser Woche einmal, an jedem Tag etwas Ungewohntes zu tun. Das kann völlig unspektakulär sein-beispielsweise können Sie heute einen anderen Weg zur Arbeit einschlagen. Morgen überwinden Sie sich und lächeln eine wildfremden Menschen an, der an der Supermarktkasse hinter Ihnen steht-er sollte Ihnen allerdings schon sympathisch sein. Übermorgen reagieren Sie auf eine vertraute Situation mit einem für Sie ungewohnten Verhalten. So können Sie etwa, wenn Sie normalerweise immer als Erster sprechen und zu allem etwas zu sagen haben, einmal versuchen, sich Ihren Teil nur zu denken. Umgekehrt wäre es denkbar, daß Sie-falls Sie sonst im Stillen zuhören-jetzt einmal ungefragt Ihre Meinung äußern.
Machen Sie am besten eine Liste mit Dingen, die Sie tun (oder lassen) wollen, jedoch nutzen Sie auch spontane Gelegenheiten.

 

Achten Sie auf das Gefühl der Lebendigkeit und Freude, das sich fast immer einstellt, wenn wir etwas Neues und Ungewohntes getan haben!

 

 

Woche 3

Eigene Sehnsüchte erkennen
Veränderung heißt Weiterentwicklung

 

Etwas Neues zu wagen, das ist mit unseren Sehnsüchten verbunden. Es ist wichitg, daß wir diese Sehnsüchte kennen.
Denn sie sind die Leitsterne auf dem Weg, der vor uns liegt.

 

Einem Stern folgten einst die Weisen aus dem Orient und fanden so zur Krippe Jesu, dem Ziel ihrer Sehnsucht. Seit jeher gelten die Sterne als Licht, das den Seelen den Weg ins Paradies zeigt. Und der Weg nach Santiago de Compostela, der Jakobsweg, heißt auch Sternenweg. Unsere Sehnsüchte können wie als Leitstern begreifen, die uns den Lebensweg weisen.

Über den ersten Schritt nachzudenken und neue Dinge auszuprobieren, das bringt uns in Kontakt mit unseren Sehnsüchten und Wünschen. Es ist gut, wenn wir sie unbewußt machen. Denn sie zeigen uns, wo uns etwas fehlt. Nicht im materiellen Sinn, sondern vor allem in Hinsicht auf das, wie wir unser Leben gestalten.

Achten Sie in dieser Woche auf die Momente, in denen sich Sehnsüchte zeigen. Versuchen Sie zu ergründen, ob es einen Zusammenhang mit der Situation gibt, in der Sie sichtbar werden. Wenn sich unterschiedliche Wünsche zeigen, versuchen Sie herauszufinden, welcher Ihnen am wichtigsten ist und welche vielleicht am ehesten realisierbar erscheint.

 

Wünsche zu ergründen und Sehnsüchten nachzugehen hat nichts mit Unbescheidenheit zu tun. Vielmehr geht es um Weiterentwicklung. Wir verändern uns-und mit uns verändern sich auch unsere Wünsche.

 

 

Woche 4
Um den Segen bitten
Stärkende Worte sind gute Begleiter

 

Zu einer Pilgerfahrt gehört der Pilgersegen. Es soll uns im Glauben stärken, auf unserem Weg schützen und daran erinnern, dass wir nicht alles aus eigener Kraft leisten müssen.

Der Segen ist ein Geschenk Gottes. Wie jedes Geschenk kann er nicht erzwungen werden. Denn er ist kein Lohn. Wir können nur für andere und für uns selbst darum bitten, ihn zu empfangen und dafür zu danken.

Die folgenden 3 Wochen sind der Bitte um den Segen gewidmet. Sie können dazu in eine Kirche gehen, etwa in der Mittagspause, und dort still für sich um gutes Gleit für Ihren Weg bitten. Oder Sie suchen einen anderen Ort auf, an dem Sie sich geborgen fühlen und formulieren dort Ihre Bitte um Vertrauen und Geduld, um Orientierung für die Zukunft und Versöhnung mit der Vergangenheit. Um gute Weggenossen, Gesundheit und alles, was Ihnen jetzt wichtig ist. Vielleicht finden Sie spontan die Worte für Ihren Segenswunsch, Sie können sich jedoch auch vorher aufschreiben, worum Sie bitten wollen. Und schließen Sie die Menschen in Ihre Bitte ein, die mit Ihnen unterwegs sind. Beenden Sie Ihre Segensbitte mit diesem abgewandelten Zitat aus dem deutschen Pilgersegen: „Mehre meinen Glauben, stärke meine Hoffnung und erneuere meine Liebe.“

 

Statt als Gebet können Sie Ihre Segensbitte auch als Wunsch formulieren und in Ihre Vorstellung zu Himmel aufsteigen lassen.

 

 

Woche 5

Vertrauen wagen
Loslassen und kontrollieren

 

Die Segensbitte hat es schon zur Sprache gebracht: Wer sich auf einen neuen Weg begibt, der braucht Vertrauen. Das gilt für eine große Reise ebenso wie für den Pilgerweg durch den Alltag

Achten Sie diese Woche darauf, wo und bei welchen Gelegenheiten sie Vertrauen wagen. Da kann in kleine Dingen sein und in ganz großen. Es kann Materielles betreffen, etwa wenn Sie jemandem Ihren Hausschlüssel geben. Es kann jedoch auch Ideelles betreffen wie ein Partnerschaft oder eine Freundschaft, in der Sie einander Dinge anvertrauen. Ein besonders Vertrauen brauche Sie zum Beispiel dann, wenn Sie die eigene Gesundheit in die Hände von Fachleuten legen.

Wo Sie Vertrauen schenken, bekommen Sie oft welches zurück. Malen Sie doch einmal ein Diagramm, in dessen Mittelpunkt Sie selbst stehen. Und darum herum als Punkte in kleinem oder größeren Abstand die Menschen und Institutionen, zu denen ein Vertrauensverhältnis besteht. Verbinden Sie den Mittelpunkt und die anderen Punkte mit ein oder zwei Linien je nachdem, ob das Verhältnis ein- oder wechselseitig ist. Schauen Sie das Diagramm in dieser Woche immer wieder an und prüfen sie, ob Sie damit zufrieden sind.

 

Wenn etwas in dem Diagramm fehlt, Vertrauen in einer Beziehung etwa nur einseitig gewährt wird, dann können Sie zusätzlich überlegen, ob sie das gerne ändern möchten, und wenn ja, wie: vielleicht durch mehr Offenheit Ihrerseits oder im Gegenteil durch etwas größere Distanz.

 

Woche 6

Die Gnade der Gelassenheit
Gebet von der richtigen Unterscheidung

 

Das Ritual der Segensbitte und die Vertrauensübung für den Alltag machen beide eine tiefe Wahrheit erfahrbar: nämlich diejenige, dass wir nicht alles selbst in der Hand haben.

 

Vielleicht haben Sie es bei der vorigen Übung genossen, sich oder eine Angelegenheit bewußt jemandem anzuvertrauen. Oder Sie sind je nach je nach Ihrer Situation und Stimmung mit Ihrem Bedürfnis nach Sicherheit konfrontiert worden. Beide Gefühle haben in uns Platz. Beide brauchen wir, um Kraft zu sammeln für unseren Weg. Ergründen Sie in dieser Woche wo für Sie die Grenzen der machbaren Sicherheit liegen. Sprechen sie laut oder leise jeden Tag einmal dieses berühmte Gelassenheitsgebet des Theologen und Philosophen Reinhold Niebuhr (1892-1971):

 

Gott, gib mir die Gnade, mit Gelassenheit Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

 

Wünschen Sie sich manchmal Gelassenheit? Wenn ja, prüfen sie, in welchem Lebensbereich Sie es zunächst wagen können, etwas weniger auf Nummer sicher zu gehen. Jedoch schauen Sie auch, wo sich etwas ändern ließe, wenn Sie sich dafür nur mutig genug fühlen würden.

 

Niebuhrs Worte lassen sich auch gut anstelle des Pilgersegens ans Ende der Segensbitte stellen (Übung 4). Schauen Sie, ob Ihre Segensbitte mit dem neunen Schluß vielleicht anders auf Sie wirkt.

 

 

Woche 7

Gestern, heute, morgen
Den Zusammenhang wahrnehmen

 

Leben bedeutet unterwegs sein. Mal gehen wir ein kurzes Stück, mal eine längere Strecke. Doch wo immer wir stehen, erstreckt sich hinter und vor uns das Band unseres Weges.

Es ist gut, sich den eigenen Lebensweg immer wieder vor Augen zu führen, um den Zusammenhang darin zu erkennen. Betrachten Sie in den nächsten 3 Wochen täglich das zu dieser Übung gehörende Bild oder ein Symbol, das für Sie Kontinuität für den Zusammenhang steht und Sie anspricht: ein kunstvoll gewirktes Seil etwa, den sprichwörtlichen roten Faden, einen Rosenkranz oder eine Kette mit schönen Gliedern oder Steinen.

Schauen Sie das Bild oder das Symbol an und stellen Sie sich dabei folgende Fragen:
Woher komme ich?
Wo stehe ich heute?
Wohin möchte ich gehen?
Lassen Sie keine Frage aus. Der Dreischritt aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bildet den Rhythmus der Meditation, er entspricht dem Dreiklang von Einatmen, Ausatmen und Innehalten. Sie können die Fragen mit Blick auf das Ziel Ihres Jakobsweges auch konkretisieren:
Was hat mich bisher mich selbst näher gebracht?
Wann fühle ich mich heutzutage im Einklang mit mir selbst?
Was wünsche ich mir diesbezüglich noch?
Notieren Sie jeden Tag die Antworten, die sich auf die Fragen einstellen.

 

Achten Sie auch darauf, ob Antworten sich ändern, jedoch bewerten Sie keine von ihnen. Versuchen Sie innere Zusammenhänge zu entdecken-die Kontinuität Ihres ganzen persönlichen Lebens.

 

Woche 8

Schritt für Schritt
Bewusstsein für das Gehen entwickeln

 

Das Gehen ist der Inbegriff des Unterwegsseins. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, müssen Sie jedoch nicht wochenlang verreisen. Sie können auch einen längeren Spaziergang dazu nutzen.

 

Wählen Sie eine Strecke aus, die Sie gerne mögen, die für Sie ohne Aufwand gut erreichbar ist und Sie in dieser Woche möglichst jeden Tag gehen können. Legen Sie diesen Weg mit Bedacht und Langsamkeit zurück.

Wenn Sie ihren Weg nun abschreiten, dann versuchen Sie bewusst wahrzunehmen, wie Sie einen Schritt vor den anderen setzen. Jeder Schritt ist wichtig, keiner kann übersprungen werden. Spüren Sie, wie Ihr Weg, der als Möglichkeit vor Ihnen liegt, in der Bewegung des Gehens Wirklichkeit wird. Im Wort Bewegung steckt das Wort Weg. Machen Sie sich bewusst Sie selbst setzen Ihren Weg aus jedem einzelnen Schritt zusammen und so wird er Ihre ureigene Realität im konkreten und im übertragenen Sinn.

Versuchen Sie im Gehen, ein Gefühl für das Unterwegssein zu entwickeln, ohne ans Ankommen zu denken. Ein bekanntes Sprichwort sagt ja: Der Weg ist das Ziel.

 

Nehmen Sie im Gehen auch wahr, wie das, was am Wegrand liegt, vorbeizieht.
Was spricht Sie gerade heute an?
Ist es Ihnen früher schon einmal aufgefallen?
Im Nachdenken über diese Dinge können Sie Ihre Aufmerksamkeit vertiefen.


Woche 9

Wenn Dinge sich wandeln
Veränderungen annehmen

 

Die beiden vorigen Übungen haben Sie mit der Kontinuität in Ihrem Leben in Verbindung gebracht und auch mit Veränderungen, denn unterwegs sein bedeutet, mit dem Wandel leben.

 

Zuweilen können wir es kaum erwarten, dass die Dinge anders werden. Wenn wir erst dies oder jenes Ziel erreicht haben, so denken wir, dann wird manches besser werden. Doch je differenzierter wir denken, desto mehr begreifen wir: Die Zeit bringt uns vieles und sie nimmt auch. Und nicht alle Veränderungen sind erwünscht und freiwillig. Oft müssen wir auf dem Weg zum Ziel etwas anderes hinter uns lassen, müssen es los lassen.

 

Betrachten Sie in dieser Woche wichtige Veränderungen in Ihrem Leben.
Welche waren ersehnt und lange vorbereitet?
Welche kamen überraschend?
Welchen Verzicht gab es und wie haben Sie ihn verarbeitet?
Welchen Neugewinn wurde Ihnen geschenkt?
Wie haben Sie die Veränderung im Moment des Erlebens empfunden?
Wie empfinden Sie sie im Rückblick?

 

Sie können auch in die Zukunft blicken und sich fragen:
Welche Veränderungen wünsche ich mir?
Und was wäre der Preis, den ich dafür zu zahlen bereit bin?

 

Der Wert der Übung liegt wie meistens in der Wiederholung. Betrachten Sie die Wandlungspunkte in Ihrem Leben wirklich an jedem Tag dieser Woche. Vielleicht fallen Ihnen immer noch neue ein, vielleicht sehen Sie auch dieselben Veränderungen an verschiedenen Tagen in jeweils neuem Licht.

 

 

Woche 10

Der wunderbare Dreischritt
Im Atem den Rhythmus finden

 

Im Gehen ist unser Atem deutlich spürbar. Je ruhiger unser Schritt ist, desto regelmäßiger wird auch der Rhythmus des Atems sein- der Dreischritt aus Einatmen, Ausatmen und Atempause.

 

Mit dieser Meditation, regelmäßig ausgeführt, können Sie üben, sich mit der Kraftquelle des Atmens in Ihnen zu verbinden. Setzten Sie sich bequem hin und richten Sie den Blick auf einen Punkt am Boden etwa einen halben Meter vor Ihnen. Wandern Sie nun gedanklich durch Ihren Körper vom Scheitel bis zur Sohle. Überall sind Muskeln, die Sie loslassen können. Die Schulter etwa: Können Sie sich noch tiefer fallen lassen. Oder die Kiefermuskulatur: Können Sie noch lockerer werden? Gehen Sie so alle Muskelgruppen durch.

 

Dann richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Atem. Konzentrieren Sie sich entweder auf die Nasenlöcher, wo der Atem kühl ein- und erwärmt wieder austritt oder auf das Heben und Senken des Zwerchfells. Lassen Sie alles geschehen. Achten Sie nun auf den natürlichen Dreischritt von Einatmen, Ausatmen und Atempause und warten Sie, bis das Einatmen von selbst wiederkommt. Mit einer kleinen Bewegung von Händen und Füßen kehren Sie aus dieser Übung wieder zurück.

 

Beim ersten Mal sollte die Übung 5 Minuten dauern. Mit zunehmender Erfahrung können Sie sie auf 15 Minuten ausweiten.

 

Diese Übung können Sie in Ihren natürlichen Lebensrhythmus integrieren. Sie können sie jederzeit immer wieder machen.

 

 

Woche 11

Luftholen nicht vergessen
Atmen und entspannen

 

Was in der Meditation geübt wird, hilft auch im Alltag weiter. Achten Sie häufiger darauf, gut durchzuatmen und nutzen Sie Ihren Atem in Stresssituationen, um sich zu beruhigen.

 

Über die Atmung denken wir normalerweise nicht weiter nach. Sie soll ja ohne Zutun funktionieren. Doch manchmal lohnt es sich, dem Dreischritt Einatmen, Ausatmen und Atempause zu beachten.

 

Nehmen Sie sich in stressigen Momenten möglichst auf Ihren Atem zu achten. Der ist nämlich gerade in angespannten Situationen oft so flach, dass Sie ihn kaum spüren. Atmen Sie dann ein paar Mal ruhig ein und aus und denken Sie an die Atempause. Indem Sie sich auf Ihren Atem konzentrieren, stellen Sie Nähe zu sich selbst her – und das ist in jeder Lebenslage das Beste, was Sie tun können.

Versuchen Sie außerdem, einmal täglich in die Hocke zu gehen und dabei mit den Fußsohlen am Boden zu bleiben. Das entspannt Ihr Zwerchfell. Oder stehen Sie locker in den Knien leicht gebeugt und schwingen Sie den Oberkörper und die Arme frei hin und her. Dabei tief durchatmen. Den Kopf können Sie in die Bewegung mitnehmen, jedoch keine kompletten Kreise beschreiben. Wenn Sie mögen, singen Sie beim Schwingen. Damit tun Sie Ihrer Lunge noch mehr Gutes.

 

Wenn sich bei der Körperübung ein Gähnen einstellen will, geben Sie dem unbedingt nach. Im Gähnen entspannen gleich mehrere Muskelgruppen vom Gesicht bis zum Bauchraum.

 

 

Woche 12

Im Kontakt mit der Kraft
Die spirituelle Seite des Atmens

 

Der Atem gilt in vielen Kulturen als Lebensprinzip. Er wird mit der Seele in Verbindung gebracht und bringt uns mit unseren Kraftquellen und unserer Spiritualität in Kontakt.

 

Im Alten Testament bedeutet das Wort ‚näfäsch‘ ‚Hauch, Atem‘ und auch ‚Seele, Gemüt, Herz‘. Es steht für das, was ein Geschöpf lebendig sein lässt. Auch ein anderes Wort ‚ruach‘ heißt nicht nur‘ Hauch, Wind, Geist‘, sondern meint ebenso das Lebensprinzip. Im Griechischen entspricht das dem Wort ‚pneuma‘. Es steht für Hauch, Luftstrom, Atem, Seele. Die Konzentration auf den Atem, können sie nun zum Anlass nehmen, sich mit Ihren eigenen Kraftquellen zu befassen. Lassen Sie Ihre Gedanken zu kürzer oder länger zurückliegenden Ereignissen schweifen und überlegen Sie:
Woher bekommen Sie in Ihrem Leben Energie?
Was hält Sie lebendig?
Was gibt Ihnen Mut und Freude?

 

Vielleicht spüren Sie, wie Bilder und Erinnerungen aufsteigen. Namen oder einfach ein zärtliches Gefühl. Also soll willkommen sein.

 

Wenn bei dieser Übung Dankbarkeit aufsteigt, so fassen Sie diese bewußt in Worte. Wiederholen Sie die Übung möglichst täglich-umso mehr Kraftquellen werden Sie entdecken.

 

Woche 13

Mit leichtem Gepäck unterwegs
Seelischen Ballast abwerfen

 

Wer leicht zu tragen hat, kommt besser vorwärts. Das gilt nicht nur für reales Gepäck sondern auch im übertragenen Sinn für den inneren Ballast, der sich in uns angesammelt hat.

 

Anders als bei einer großen Pilgerfahrt stehen Sie bei Ihrem Pilgerweg für zuhause nicht vor der Frage, was Sie alles mitnehmen müssen. Innerlich allerdings haben Sie genauso Gepäck dabei wie bei jeder Reise auch und sollten es sinnvoll beschränken. Belastend wirken zum Beispiel Überzeugungen, die nicht mehr stimmen, jedoch nicht aussortiert wurden. Vielleicht weil sie noch so wahr klingen. Oder betrachten wir die Werte, die wir für richtig halten: Vielleicht ist uns in der Zwischenzeit längst anderes wichtig?

Und dann das eigen Selbstbild: Entspricht es noch dem, wie wir uns fühlen und verhalten? Oder pflegen wir es eher deshalb, weil wir es so gut kennen?

Jetzt ist die Gelegenheit dazu, solchen Ballast abzuwerfen. Und zu trennen von dem, was uns gedanklich festhält und uns zum 100sten Mal in eine Grübelschleife schickt.

Machen Sie eine Liste mit Überzeugungen und Glaubenssätzen über sich und die Welt und prüfen sie, was Sie jetzt davon für richtig halten. Betrachten sie die Liste in diesen 3 Wochen immer wieder. Ergänzen Sie dann, was sich jeweils an Neuem zeigt und streichen Sie, was nicht mehr dazugehören soll.

 

Vielleicht zeigen sich bei dieser Übung überraschende neue Überzeugungen. Geben Sie diesen eine Gestalt in Worten und Bildern.

 

 

Woche 14

Zeit zum Entrümpeln
Energiefresser aussortieren

 

‚Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf‘, stellte einst Sokrates fest. Lassen Sie sich von ihm inspirieren! Erleichtern Sie sich durch gründliches Aussortieren.

 

Viele Menschen leben nur auf der obersten Schicht ihres Haushaltes und darunter setzt sich immer mehr Krimskrams ab – wie Ablagerungen im Erdreich. Doch damit belasten wir uns unweigerlich. Eine klare Umgebung hat mehr mit der Seele zu tun, als es zunächst scheint. Gerümpel hält innerlich fest. Es bindet Energie, denn wir müssen uns darum kümmern: Wir müssen es putzen oder immer wieder wegräumen, weil es im Weg steht. Gerümpel erkennen wir daran, daß wir es nicht nutzen, weil es überflüssig ist oder seinen Zweck nicht (mehr) erfüllt. Darunter fallen Gebrauchsgegenstände, jedoch auch Dinge, die wir einst aus Lust und Laune angeschafft haben, einfach weil sie uns gefielen.

 

Legen Sie diese Woche, eine oder mehrere Tage fürs Ausmisten ein und bestimmen Sie vorher, was Sie entrümpeln wollen, welchen Schrank, welches Zimmer. Nehmen Sie jeden Gegenstand, der sich darin befindet in die Hand. Wann haben Sie ihn zum letzten Mal benutzt oder auch nur gerne betrachtet? Machen Sie je eine Kiste für Dinge, die Sie weiterverschenken, die Sie wegwerfen und die Sie behalten wollen.

 

Vor allem, was ihren Haushalt verlassen soll, können Sie sich bewußt verabschieden nach dem Motto: Dieser Gegenstand hatte sein Zeit und die ist jetzt vorbei.

 

Woche 15

Es war gut-es ist vorbei
Zum Umgang mit Abschieden

Innerlich und Äußerlich entrümpeln-das bedeutet auch, sich auf Abschiede einzulassen. , auf gewollte und ungewollte, auf Trennungen, die erleichtern und solche, die schmerzen.

Beim Aussortieren von nicht mehr gebrauchten Dingen haben Sie wahrscheinlich hin und wieder Wehmut verspürt-die Wehmut des Abschieds. Manche Abschiede stehen am Ende eines Ereignisses oder einer Phase: Sei spüren, etwas war schön und gut und jetzt geht es vorbei. Eine andere Art von Abschiedsgefühl stellt sich ein, wenn es um das Loslassen von nicht geliebten Dingen geht. Von Plänen, die lange gehegt, aber niemals in die Tat umgesetzt wurden. Auch sie müssen verabschiedet werden, damit sie nicht den Blick auf die Zukunft verstellen.

In der Bibel finden sich starke Aussagen zum Abschied: Lots Frau erstarrt zur Salzsäule, weil sei sich zur Vergangenheit hin umdreht. Und Jesus fordert von seinen Jüngern, ihr ganzes Dasein hinter sich zu lassen. Darin steckt eine tiefe Wahrheit: Halbe Abschiede gibt es nicht.

Nehmen Sie sich in den kommenden Tagen mehrmals Zeit und überlegen Sie:
Wovon verabschieden Sie sich gerade?
Was ist der Grund für den Abschied?
Welche Bedeutung hat dieses Thema in Ihrem Leben?
Erlauben Sie sich traurig oder wehmütig zu sein und irgendwann auch erleichtert.

Lesen Sie in dieser Woche immer wieder Psalm 139,1-18. Diese Verse handeln davon, daß das, was für uns überschaubar ist, in Wahrheit doch einen Sinn ergibt.

 

Woche 16

Die Weite des Himmels
Schauen Sie öfters mal nach oben

Oft vergessen wir ganz, welche Weite sich über uns erstreckt. Wir beachten den Himmel nicht, obgleich er immer da ist und es nur einer Kopfbewegung bedarf, ihn zu sehen.

Richten Sie Sie in diesen 3 Wochen Ihre Augen zum Himmel, so oft es geht. Am besten natürlich bei Spaziergängen über das freie Feld. Genießen Sie die Weite, die sich Ihnen dadurch eröffnet. Versuchen Sie auch, nicht nur den Himmel über Ihnen, sondern auch den Horizont in der Ferne wiederzuentdecken: Gehen Sie dorthin, wo Sie freie Sicht haben, keine Hauswand oder etwas anders den Blick verstellt. Dann lassen Sie Ihre Augen ins Unendliche schweifen. Atmen Sie tief ein und nehmen Sie die Freiheit, die in dieser Weite liegt ganz in sich auf. Wenn Sie mögen breiten Sie die Arme aus, strecken und dehnen sich und machen Sie sich auch körperlich so weit wie möglich.

Weite hat immer auch mit Helligkeit zu tun, mit Licht. Wenn Sie sich häufig einen Spaziergang ins Weite gönnen, dann tanken sie damit viel natürliches Licht. Das ist gut für den Körper und die Seele. Wenn Ihnen die Zeit für Ausflüge fehlt, dann suchen Sie den Himmel dort, wo Sie sich gerade aufhalten: Gehen Sie bei jedem Wetter in der Mittagspause für ein paar Minuten ins Freie und schauen Sie in den Himmel.

Die Weite des Himmel bedeutet nicht, daß da nichts ist, denn auch der Himmel ist ein Teil der Schöpfung: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, mit diesen Worten beginnt die Bibel.

 

Woche 17

Den eigenen Freiraum wahrnehmen
Wie viel Eigenständigkeit brauchen Sie?

Wir alle brauchen etwas Weite um uns herum, so wie ein Baum, dessen Wurzel und Krone nicht von anderen Bäumen bedrängt werden dürfen. Um diesen Freiraum soll es jetzt gehen.

Wie viel Freiraum haben Sie zur Verfügung in der äußeren Realität und in Ihrer eigenen Vorstellung? Wie viel nehmen Sie sich? ‚Du hast mir Raum geschaffen, als mir angst war‘, sagte der Dichter in Psalm 4.2. Genug Raum zu haben, keine Enge zu spüren und damit letztlich keine Angst haben. Das Wort ‚Angst‘ kommt ja von ‚Enge‘.

Achten Sie in den kommenden Tagen darauf, wie viel Freiräume Sie sich gestatten und wie viel Ihnen einge’räumt‘ wird. Fühlen Sie sich wohl damit? Oder hätten Sie gerne Gestaltungsspielraum - sei es, daß Sie im Beruf gern eigenständiger handeln oder im Privatleben über mehr Zeit für sich allein verfügen möchten? Jedoch das Gegenteil kann ebenso der Fall sein: daß Ihnen alles zu weit ist, zu unverbindlich. Daß Sie gern klarere Vorgaben und mehr Verbindlichkeit hätten. Die Bedürfnisse sind ja individuell. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Mehr Raum zu haben, das kann auch bedeuten: mehr Aufmerksamkeit von anderen oder schlicht mehr Platz in Quadratmetern. Spüren Sie nach, ob hier vielleicht ein Bedürfnis darauf wartet, erfüllt zu werden.

Wiederholen Sei innerlich öfter den Psalmvers und achten Sie darauf, in welchen Situationen er für Sie stimmig ist und wann Sie ihn aus vollem Herzen sprechen können.

 

Woche 39

Von Haupt- und Nebenwegen
Sich mit den eigenen Entscheidungen versöhnen

Je älter wir werden, desto mehr Weggabelungen und –kreuzungen haben wir schon passiert. Wir haben viele Entscheidungen getroffen und können im Rückblick unseren Lebensweg erkennen.

 

Es ist wichtig, mit den großen Entscheidungen des Lebens einigermaßen im Einklang zu sein. Auch dann, wenn wir heute in derselben Lage anders entscheiden würden als einst. Da hilft es, sich klarzumachen, daß es damals zum Zeitpunkt der Entscheidung, gute Gründe für den Weg gab, den wir eingeschlagen haben. Und manchmal geschieht es, daß ein Weg, den wir eingeschlagen haben, irgendwie doch noch in veränderter Form Teil unseres Lebens geworden ist.
Davon handelt der nachfolgende Text, den Sie in dieser Woche immer wieder lesen und auf sich wirken lassen können.

Überlegen Sie, welche Hauptwege und Nebenpfade sich durch die Landkarte ihres Lebens ziehen. Halten Sie sie in Worten oder einer kleine Skizze fest.

 

An jenem Abzweig stand ich einst
Und fragte nach dem Weg.
Nimm diesen, sagte ein Stimme,
und sie nannte gute Gründe.
Noch oft hab ich seither
An Abzweigungen gestanden.
Der Weg, den ich verwarf,
läuft heute neben meinem her
als schmaler Pfad.
Zuweilen geh ich ihn und schau
Von dort zum Hauptweg hin,
zufrieden, wie es ist.

 

Woche 51

Das „Wiederkäuen“
Sich-Versenken durch Wiederholung

Die Kontemplation oder auch Betrachtung ist die höchste Stufe des Gebets. In ihr verweilt der Mensch passiv, er kann sie nicht herstellen. Doch er kann sich auf sie einstimmen.

 

Die Kontemplation als reines Schauen und momenthaftes Einswerden der Seele mit Gott ist keine Leistung, die wir erarbeiten können, sie ist ein Geschenk. Es gibt jedoch eine Gebetsform, die dazu helfen kann, sich für die Begegnung zu öffnen: die sogenannte Ruminatio.
Ruminatio bedeutet auf Deutsch: Wiederkäuen. In Gestalt des berühmten Jesus-oder auch Herzensgebets ist diese Gebetsform von den ägyptischen Mönchen über den griechischen Berg Athos in die russische Frömmigkeit eingegangen und schließlich auch bei uns bekannt geworden. Das Herzensgebet hat seit vielen Jahrhunderten eine feste Textgestalt. Es lautet:“ Herr Jesu Christus, erbarme Dich meiner!“

Sie können sich für Ihr Gebet auch einen anderen Vers oder ein einzelnes Wort suchen, das für Sie eine spirituelle Bedeutung hat. Kommen Sie mithilfe der Übung 10über den Atem zu ruhe. Wiederholen sie nun innerlich das gewählte Wort oder den Vers immer im Rhythmus des Atems. Die Worte werden sich von selbst auf das ein- und Ausatmen verteilen. Wichtig ist, sie immer wieder kommen zu lassen, so lang sie mögen.

 

Der unbekannte Autor der mystischen Schrift „Die Wolke des Nichtwissens“ aus dem 14. Jahrhundert empfiehlt für die Ruminatio das einsilbige Wort Gott zu nehmen.

 

Woche 52

Das innerste Geheimnis
In der Liebe bleiben

Bei der letzten Station des Jakobsweges für zuhause erwartet als Anfang und Ziel allen Suchens und Hoffens, die LIEBE: Sie ist eine Energie tief in uns, die genutzt werden will.

 

Der Apostel Paulus nennt sie einen Weg, der alles übersteigt. Für ihn muß die Liebe, bei allem was wir tun, dazukommen, um den Handeln seinen eigenen Wert zu verleihen: „Wenn ich meine ganze Habe verschenke,… hätte jedoch die Liebe nicht, nütze es mir nichts.“ (aus dem Hohen Lied der Lieb, 1. Korintherbrief 12.31b-13,13). Und für die Mystiker ist die Liebe die Kraft im Innersten der Schöpfung, denn sie bedeutet Sich-Öffnen, Austausch und Vereinigung.

 

Versenken Sie sich in die Meditation der Lieb mithilfe des Verses 1. Johannes 4,16:“Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, bleibt bei Gott, und Gott bleibt in ihm“. Nehmen Sie dazu die Meditationshaltung ein und kommen Sie über den Atem zu ruhe, wie Sie es in Übung 10 gelernt haben. Lesen Sie den Text mehrmals und finden Sie das Wort im Text, das Sie gerade besonders anspricht: „Gott“, „Liebe“ oder „bleiben“… Es kann wirklich jedes Wort sein. Käuen sie dieses Wort eine kleine Weile im Rhythmus Ihres Atems wieder (siehe Übung 51). Sie müssen vorher nicht gedanklich klären, was dieses Wort für Sie bedeutet. Wichtig ist nur, es wirken zu lassen.

Auch in Zukunft, wenn Ihr Weg Sie weiterführt, können Sie immer wieder zu diesem Vers zurückkehren.

Quelle: Tischkalender - Jakobsweg für Zuhause von Schlüter, Christiane, ISBN: 9783833823527